Arme Schweine

Faktencheck: Hofers Auskunft über FairHof

Wir haben vor knappen drei Wochen den Artikel Hofers blinder Fleck bei FairHof geschrieben, in dem wir kritisieren, dass Hofer das Thema Ferkelkastration bei seinem Tierwohl-Programm „FairHof“ ausblendet. Dabei wollten wir es eigentlich bewenden lassen, bis zur Fortführung persönlicher Gespräche, für welche Hofer aber leider erst in über einem Monat Zeit findet.

Da sich nach unserem Artikel nun mehrere Konsument*innen schriftlich bei Hofer über das Fortbestehen der Schmerzkastration beschwert haben, hat dieser begonnen, schriftliche Beantwortungen auszusenden, die wir nicht unwidersprochen stehen lassen können. Nicht, weil alles darin Gesagte falsch wäre, sondern weil manches in dem Schreiben eben unerwähnt bleibt.

Im Antwortschreiben Hofers an seine Kund*innen stellt Hofer vier Behauptungen auf:

  1. Die Kastration sei notwendig
  2. Die Kastration finde unter der Wirkung von Schmerzmitteln statt
  3. Keine der Alternativen sei optimal
  4. Hofer arbeite an einer Lösung mit

Aber ist das alles wirklich so?

Ist die Kastration notwendig?

Behauptung

Hofer schreibt an die Beschwerde führenden Kund*innen, dass eine Kastration leider unvermeidbar wäre, da unkastrierte, männliche Schweine weitaus aggressiver seien und es im Zuge der Mast zu Verletzungen kommen würde. Zusätzlich wäre das Fleisch des Ebers aufgrund des starken Geruchs nicht verwertbar.

Faktencheck

Es gibt Länder, wie Großbritannien, Irland und Portugal, in denen die Ebermast der Normalfall ist. Dort werden die Tiere also nicht chirurgisch kastriert und es funktioniert dennoch. Auch in Deutschland stellen immer mehr Betriebe darauf um und machen sehr gute Erfahrungen, wenn die Auswahl des Futters angepasst ist, die Behandlung der Tiere stimmt und weitere Management-Maßnahmen richtig gesetzt werden. Folgende Tatsache sollte auch für Hofer kein Geheimnis sein: Seit Anfang diesen Jahres wird bei seinem Mutterkonzern ALDI in Deutschland nur noch Fleisch von Schweinen verkauft, die nicht durch die bei FairHof zugelassene Schmerzkastration verstümmelt wurden.

Fazit

Sowohl der sogenannte Ebergeruch, als auch das normale Verhalten von Ebern untereinander, ist bei gutem Management im Stall kein Problem. Das zeigen unzählige Praxisbetriebe seit Jahrzehnten und auch die Forschung weist in die selbe Richtung.

Die Aussage, die Kastration sei unvermeidbar, stimmt daher definitiv nicht.

Hilft es den Ferkeln, wenn Sie Schmerzmittel bekommen?

Behauptung

Hofer schreibt in seiner Auskunft an interessierte Konsument*innen, dass die Kastration der Ferkel bei FairHof „unter der verpflichtenden Wirkung von Schmerzmitteln“ stattfände und sich dies mit den Vorgaben der AMA sowie Bio-Austria decke.

Faktencheck

Ganz ungeachtet der Frage, worin denn dann bei der Kastration das „mehr Tierwohl“ liegen sollte, als bei jedem anderen österreichischen Schweinefleisch, sticht besonders eine Aussage ins Auge: Dass die Tiere unter der Wirkung von Schmerzmitteln kastriert werden. Was gut klingt, denn es weckt das Bild eines tierschutzgerechten, schmerzfreien Eingriffs.

Das stimmt so aber leider gar nicht, denn das verwendete Schmerzmittel wirkt nicht auf den eigentlichen Kastrationsschmerz. Dazu steht sowohl in der Packungsbeilage dieses Medikaments, als auch in dessen Zulassung eine ganz klare Warnung: Die Behandlung von Ferkeln mit dem Schmerzmittel vor der Kastration reduziert ausschließlich die Schmerzen NACH der Operation. Um eine Schmerzlinderung WÄHREND des Eingriffs zu erreichen, ist eine begleitende Verabreichung geeigneter Betäubungsmittel unerlässlich.

Daher beschreibt Hofer in den folgenden Sätzen ausschließlich, wie es den Tieren NACH der Kastration geht, die Qualen WÄHREND des Eingriffs fallen unter den Tisch.

Fazit

Ja, Schmerzmittel helfen den Ferkeln für die Schmerzen nach der Operation. Auf die starken Schmerzen während der Operation, die für Menschen mit dem Ziehen von Weisheitszähnen vergleichbar sind, haben diese Schmerzmittel aber keine Wirkung. Sprich: Die Ferkel werden bei FairHof unter vollem Schmerz kastriert.

Diese Methode, also die Kastration mit Schmerzmittelgabe, ist in der gesamten Schweinebranche sehr üblich und wird demnächst auch gesetzlich vorgeschrieben sein. Innerhalb der Branche nennt man diese Variante des Eingriffs bezeichnenderweise Schmerzkastration. Bei dieser werden die Tiere ohne Betäubung am Unterbauch aufgeschnitten und Ihnen zwei innen liegende Organe, die Hoden, aus dem Körper gezogen, um dort dann mit einer Klemm-Zange abgequetscht zu werden.

Sind alle Alternativen untauglich?

Behauptung

Hofer schreibt, dass keine der derzeit verfügbaren Alternativen optimal seien. Es wird im Schreiben dann ausführlich erläutert, welche Schreckensszenarien bei der Kastration unter Betäubung zu erwarten wären.

Faktencheck

Die Betäubung von Ferkeln vor der chirurgischen Kastration ist in manchen anderen Ländern gesetzlich verpflichtend. Dort wird diese Methode und ihre Auswirkungen auf die Tiere und auf die Betriebe auch immer wieder wissenschaftlich untersucht. Es zeigt sich ganz klar: Die Methode ist deutlich besser als die Schmerzkastration. Und es läuft bei Weitem nicht so viel schief, wie es das Antwortschreiben von Hofer vermuten lässt. Nicht zuletzt werden sämtliche Ferkel in Vorarlberg ausschließlich mit Betäubung kastriert. Und auch dort sammelt man gute Erfahrungen damit.

Eine andere Alternative, zu der sich vor einigen Jahren die gesamte Schweine-Branche der EU bekannt hat, ist die Ebermast. Bis Anfang 2018 wollten alle Beteiligten ein Ende der chirurgischen Kastration von Schweinen. Die Methode der Ebermast ist in manchen Ländern seit Jahrhunderten die gängige und gut funktionierende Variante. Von fehlendem Praxiswissen oder einer „neuen Methode“ kann hier also nicht gesprochen werden. Es gibt genug Management-Maßnahmen, die hier eingesetzt werden können, um weder ein Problem mit der Aktivität der Tiere, noch mit der Fleischqualität zu bekommen.

Fazit

Mag sein, dass es die optimale Alternative nicht gibt. Die praxistauglichen Alternativen, die ja in anderen Ländern generell und in einzelnen Betrieben hier in Österreich angewandt werden, sind aber allesamt deutlich besser, als die bei FairHof zugelassene Schmerzkastration.

Und wer sich ehrlich und offen mit den Alternativen beschäftigt, sieht, dass sie selbstverständlich funktionieren. Wie sonst hätte die Schweinebranche in den jeweiligen Ländern Jahrzehnte bis Jahrhunderte überlebt?

Arbeitet Hofer an einer Lösung mit?

Behauptung

Hofer kündigt in seinem Schreiben an, dass es geplant ist, ab Mitte 2017 ein Projekt mit der BOKU zur wissenschaftlichen Evaluierung der Vor- und Nachteile aller praxisnahen Kastrations-Methoden zu starten. Die jeweiligen Methoden werden dazu in ausgesuchten Betrieben getestet und bewertet. Die tiergerechteste Methode die dabei ermittelt wird, könnte anschließend als Vorlage für alle Züchter geltend gemacht werden.

Faktencheck

Die Wissenschaft beschäftigt sich bereits seit Jahrzehnten mit dem Problem der Schmerzkastration. Auch die EU hat mit den Studien PIGCAS und ALCASDE exakt diese nun von Hofer angekündigte wissenschaftliche Evaluierung der Vor- und Nachteile bereits ausgiebig vorgenommen – und zwar vor weit über einem Jahrzehnt! Und weil die Faktenlage hier so klar ist, sieht auch die EU-Behörde EFSA die Kastration ohne Betäubung als Tierquälerei. Ebenso seit über 10 Jahren.

Außerdem sprechen wir bei den Alternativen zur Schmerzkastration nicht von neuen Ideen oder neuen Anwendungen. Es werden derzeit in der Fachdiskussion nur diejenigen Alternativen besprochen und gefordert, die in anderen Ländern schon längst erfolgreich eingesetzt werden.

Fazit

Es ist ein schönes Bekenntnis von Hofer, an einer Lösung mitarbeiten zu wollen – aber welche neuen Erkenntnisse werden hier erwartet? Oder dient es nur dem Gewinnen von Zeit, um Verbesserungen weiter hinaus zu zögern?

Die Vor- und Nachteile der praxistauglichen Methoden rund um die Kastration und auch rund um deren Vermeidung sind hinreichend bekannt und ausführlich untersucht. Noch dazu gibt es etliches Praxiswissen.

Ein guter Ansatz wäre, die Schmerzkastration zu verbieten und die Landwirt*innen selbst auswählen zu lassen, welche der ganz real funktionierenden Alternativen zu ihren jeweiligen Betrieben passen. Beim Übergang zu diesem neuen Verfahren wäre Hofer natürlich aufgerufen, die Landwirt*innen sowohl mit Wissenstransfer als auch finanziell zu unterstützen.

Damit FairHof wirklich fair wird.

Kommentare

  1. Ich finde es eine Frechheit, mit Tierleid Geschäfte machen zu wollen!!!! Wer will so ein Fleisch???? Glauben Sie man will so etwas kaufen, wenn man weiss, was dahinter steckt??? Hört endlich auf FÜHLENDE Lebewesen so schlecht zu behandeln und zu quälen!!!! PROFIT ist nicht ALLES im Leben!!! Sonst würde ich den Verantwortlichen einmal eine Operation OHNE Narkose empfehlen, damit sie Verständnis bekommen, was man diese Armen Wesen eigentlich antut!!!
    Mehr Empathie für Tiere würde ALLEN Gut tun!!!!

  2. So sicher nicht, wenn man sich Tierwohl auf die Fahnen heftet, dann darf es keine Täuschung sein. Daher sofort die notwendigen Maßnahmen setzen.

  3. Ursula Jaklitsch  /  4. März 2017 at 18:48 Antworten

    Absolut untragbar! Reinste Tierquälerei und wie immer wird alles auf den Konsument abgeschoben. Ein Gesetz her und aus!!! Und ich esse sowieso kein Fleisch!

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