Arme Schweine

Lasst die Schweine ganz!

Nach wie vor ist es in Österreich üblich, wenige Tage alte Ferkel durch schmerzhafte, operative Eingriffe an unzureichende Haltungsbedingungen anzupassen. Den Tieren werden – ganz ohne Betäubung – die Schwänze abgeschnitten, die Eckzähne abgeschliffen und den männlichen Tieren die Hoden aus dem Unterbauch geschnitten. Dass diese Verstümmelungen zum Teil gegen geltendes Tierschutzrecht verstoßen, scheint in Politik und Landwirtschaftskammer niemanden zu interessieren.

Wir von UNITED CREATURES fordern daher von den Verantwortlichen, dass bei den genannten Eingriffen geltendes Recht eingehalten, und vor allem endlich ein Ende der chirurgischen Kastration in die Wege geleitet wird.

Ursachen behandeln statt Symptome bekämpfen

Foto eines Ferkels auf Spaltenboden

„Aber warum würden wir denn die Eingriffe an den Tieren vornehmen, wenn sie nicht notwendig wären?“ wird von Landwirtschaftsvertreter*innen in der Diskussion oft die rhetorische Gegenfrage gestellt. Denn rhetorische Fragen haben zwei Vorteile: Erstens erspart man es sich damit selbst eine Antwort zu geben; Und Zweitens beeinflusst man damit, welche Fragen sich die Zuhörer stellen. Wie heißt es so schön: „Sorge dafür, dass sie sich die falschen Fragen stellen, und Du musst keine Angst vor den Antworten haben.“

Die korrekte Frage würde nämlich lauten: „Warum meinen sie denn, dass die Eingriffe notwendig wären?“  Die Antworten auf diese Frage sind höchst aufschlussreich:

Schwänze kupieren

Das oberflächliche Argument für den Eingriff wäre, dass sich die Schweine sonst gegenseitig durch Beißen schmerzhafte Wunden am Schwanz zufügen würden. Will man das Motiv aber wirklich verstehen, muss man genauer hinschauen: Schweinefleisch soll heute besonders billig sein. Daher leben die Tiere meist zusammen gepfercht auf kleinstem Raum: 0,7 Quadratmeter pro Schwein ist die gesetzliche Minimalvorgabe. Das entspricht einem Lebensraum von zum Beispiel 90 auf 80 Zentimeter! Dies funktioniert allerdings nur mit einem für das Schwein extrem schmerzhaften Vollspaltenboden.

Und diese Art Boden wiederum bietet wenig Möglichkeit, für eine artgemäße Beschäftigung der Tiere zu sorgen. Was zu extremer Langeweile führt. Diese, in Kombination mit sozialem Stress durch die Platznot, führt zu Konfrontationen zwischen den Tieren, zum verzweifelten Versuch, Stress abzubauen, und Langeweile zu vertreiben. In der extrem reizarmen Umgebung eines Schweinestalls führt dieser Leidensdruck unter anderem zum Kauen auf dem Schwanz eines anderen Schweins.

Die Lösung läge auf der Hand: Mehr Platz, anstatt gekürzter Schwänze.

Eckzähne abschleifen

Das schmerzhafte Abschleifen der Eckzähne – auch dieser Eingriff ohne Betäubung durchgeführt –  soll Verletzungen der Zitzen der Sau durch die Ferkelzähne verhindern. Ein Problem, das laut Studien aber nur in Einzelfällen vorkommt, bei besonders hoher Wurfzahl oder extrem niedriger Milchleistung der Muttersau. Trotzdem wird auch dieser Eingriff in den meisten Betrieben routinemäßig durchgeführt.

Viel besser hingegen wäre, die Muttersau nicht weiter im Kastenstand zu fixieren, womit sie die Möglichkeit hätte, den Ferkeln ihr Gesäuge auch einmal zu entziehen; Und wenn die Zucht nicht weiter auf zu hohe Wurfzahlen abzielen würde….

Sau im Kastenstand

Kastration

Die männlichen Ferkel werden in ihrer ersten Lebenswoche ohne Schmerzausschaltung aufgeschnitten, ihre Hoden aus dem Unterbauch gezogen und dann abgetrennt. Dieser qualvolle Eingriff sei nötig, damit das Fleisch der männlichen Tiere später nicht stinke, wird von der Schweinebranche behauptet. Tatsächlich geht es hier aber vielmehr darum, das Management der Tiere und ihre Verarbeitung nach der Schlachtung zu vereinfachen.

Denn das Erschreckende daran: Schon längst existieren auf dem Markt Alternativen mit Schmerzausschaltung, sowie Varianten, die ganz ohne chirurgische Kastration auskommen – und das „Geruchsproblem“ taucht auch dort nicht auf. Diese vernünftigeren Varianten sind in einigen EU-Ländern bereits verpflichtend, in anderen Ländern werden sie gerade eingeführt; In Österreich hingegen sträubt sich die Schweinebranche weiterhin beharrlich gegen diesen Fortschritt.

Wir verlangen: Schluss mit der unnötigen Ferkelkastration!

Was sagen die Gesetze zu diesen Verstümmelungen von Ferkeln?

Schwänze kupieren

Beim Kupieren der Schwänze ist die EU-Richtlinie 2008/120/EG eindeutig:

„Ein Kupieren der Schwänze darf nicht routinemäßig durchgeführt werden. Bevor solche Eingriffe vorgenommen werden, sind andere Maßnahmen zu treffen, um Schwanzbeißen und andere Verhaltensstörungen zu vermeiden.“
Anhang I, Kapitel I über Mindestanforderungen für den Schutz von Schweinen

Die Richtlinie lässt das Kürzen der Schwänze also nur im Einzelfall zu. Zum Beispiel, wenn es in einem Betrieb bereits zu Ohr- und Schwanzverletzungen gekommen ist und nachweislich andere Maßnahmen getroffen wurden, um Schwanzbeißen und andere Verhaltensstörungen zu verhindern. Somit soll aus Sicht der EU das Kupieren von Schwänzen folglich die Ausnahme von der Regel darstellen. Im Gegensatz zur Österreichischen Realität, wo fast allen Ferkeln die Schwänze kupiert werden: Ein Land im Ausnahmezustand, also.

Eckzähne abschleifen

In Österreich sind die Eingriffe an Nutztieren in der 1. Tierhaltungsverordnung geregelt. Dort heißt es:

„[…] die Verkleinerung der Eckzähne [ist zulässig], wenn […] der Eingriff nicht routinemäßig, sondern nur zur Vermeidung von weiteren Verletzungen am Gesäuge der Sauen durchgeführt wird.“
Punkt 2.10. „Eingriffe“ der Anlage 5 „Mindestanforderungen für die Haltung von Schweinen“

Ganz abgesehen davon, dass ein routinemäßiges Abschleifen von Zähnen gar nicht sinnvoll ist, sagt das Gesetz hier ganz klar, dass dies nicht regelmäßig durchgeführt werden darf. Auch hier soll es sich aus Sicht der Gesetzgebung – im Gegensatz zur lokalen Praxis – also um eine Ausnahme handeln.

Chirurgische Kastration von Ferkeln

Diese ist in Österreich noch immer gesetzlich erlaubt, und auch die anstehende Änderung des Tierschutzgesetzes ändert nichts daran. Lediglich gegen die Schmerzen NACH der Kastration muss künftig ein Mittel gegeben werden. Dieses hat jedoch keinen Einfluss auf die akuten Schmerzen während der Kastration.

Andere EU-Länder folgen hier dem Wunsch der Bürger*innen und den seit Jahren vorliegenden Erkenntnissen der Wissenschaft, und verbieten zumindest die betäubungslose Art der Ferkelkastration.

UNITED CREATURES ist gegen alle Eingriffe an Nutztieren, die nicht medizinisch notwendig sind – daher stehen wir für ein Ende jeglicher chirurgischer Kastration von Ferkeln.

Foto einer Kastration von Ferkeln - eine von drei Verstümmelungen, die Schweinen in den ersten Lebenswochen angetan wird.

Wer hat die Eier, das Leid zu beenden?

Wir haben hier also drei Arten von Verstümmelung von Ferkeln, die an der Tagesordnung sind, in Millionen Fällen jedes Jahr. Aber wer könnte etwas dagegen unternehmen?

Die Landwirtschaft und ihre Vertretungen haben sich bei diesen Themen bisher in die für sie bewährte Blockadehaltung geflüchtet. Aber eigentlich hätten gerade sie es in der Hand, durch eine Änderung der Haltungsbedingungen die chirurgische Anpassung der Schweine überflüssig zu machen, und dies auch den KonsummentInnen als Fortschritt nahe zu bringen.

Oder es könnte auch der Lebensmittelhandel beim Einkauf von Fleisch ethisches Bewusstsein zeigen: Fleisch nur von Tieren, die wirklich gut gehalten und behandelt wurden. Und dafür einen fairen Preis bezahlen. Stattdessen wird in den Supermärkten derzeit ausschließlich Schweinefleisch von verstümmelten Tieren angeboten.

Die österreichische Politik hat soeben in einer Überarbeitung des Tierschutzgesetzes einige Punkte neu geregelt, auch betäubungslose Eingriffe an anderen Nutztieren verboten – blendet aber die Eingriffe an Ferkeln einfach aus. Diese Lebewesen müssen offensichtlich für die Zögerlichkeit der Politik und Gewinnerwartung der Branche über die Klinge springen: sie dürfen weiterhin ohne Schmerzausschaltung oder Betäubung aufgeschnitten, ihre Schwänze amputiert und ihre Eckzähne abgeschliffen werden.

Auch die EU könnte nach Jahren des Wegsehens bei dem fortlaufenden Verstoß gegen die Richtlinie über Mindestanforderungen endlich für den Schutz von Schweinen aktiv werden; Denn damit Landwirt*innen Förderungen der EU erhalten, müssten Sie eigentlich alle geltenden Richtlinien und Gesetze einhalten. Das sind die sogenannten Cross Compliance Anforderungen. Deren Einhaltung könnte die EU bei Cross Compliance Prüfungen unter die Lupe nehmen – und die üppigen Fördergelder bei Verstößen wieder zurückverlangen.

Und natürlich könnten die amtlichen Kontrolleur*innen bei den Betriebsprüfungen ihre Aufgabe auch ernst nehmen, und zum Beispiel feststellen, dass routinemäßig die Schwänze kupiert werden. Und diese gesetzeswidrige Verstümmelung abstellen lassen.

Wer von ihnen, denkst Du, hat die Eier, das Leid zu beenden?

Niemand?

Vielleicht hast Du die Eier, das Leid zu beenden!

Lass das Schweinefleisch einfach weg, solange diese Zustände nicht behoben sind.

Kommentare

  1. Nicola Pascall  /  23. März 2017 at 0:20 Antworten

    This is horrific, start s Petition that we van all sign

  2. Das wäre schon längst fällig

  3. Bitte solidarisiert euch nicht nur mit den Tieren – sondern auch mit den LandwirtInnen!!

    LandwirtInnen in der „Täterrolle“ zu sehen hilft niemandem was. Keinem Landwirt macht es Spaß wenn er seinen Tieren wehtun muss. LandwirtInnen machen das, weil es sich anders finanziell nicht ausgeht. Die Lebensmittelindustrie zahlt nicht mehr, nur weil für den Landwirt die Erzeugungskosten steigen.

    Deswegen ist die Agrarvertretung so reflexartig dagegen, wenn es um zusätzliche Auflagen geht. Da geht es um die Existenz von kleinen Betrieben – und dafür interessiert sich die Zivilgesellschaft leider nicht.

    Dabei wäre eine nachhaltige, tierfreundliche Landwirtschaft auf kleinstrukturierten Betrieben viel leichter umzusetzen als in riesigen Ackerbau- und Tierfabriken. Genau dorthin bewegen wir uns aber und die fehlende Solidarität der Zivilgesellschaft mit den LandwirtInnen leistet einen großen Beitrag dazu.

    • Michael Hartl  /  27. März 2017 at 10:12 Antworten

      Liebe Katharina,

      da bin ich ganz bei Dir, dass man nicht auf die Landwirte hinhauen und ihnen die alleinige Schuld zuweisen darf. Daher zeigen wir ja auch, wer da so alles was tun könnte und schreiben auch recht am Anfang des Artikels in fetter Schrift: Schweinefleisch soll heute besonders billig sein. Das ist in unserem Artikel der Beginn einer Kette von Ursachen, an dessen Ende das Schwanzkupieren steht.

      Alles Liebe,

      Michael

  4. Ich Esse schon seit vielen Jahren kein Schweinefleisch.Es muß ein Ende sein mit dieser Tierquälerei.Ich fass es einfach nicht ,das unsere Politiker kein strenges Tier Gesetz machen.Das ist für mich Tierquälerei und nichts anderes!!!

  5. Brigitte Djonou  /  25. März 2017 at 13:57 Antworten

    Unmenschlich!!!!! Stoppt endlich diese barbarischen untaten ….

  6. Würde man so was bei den menschen tun droht die todesstrafe.
    Bei tiere wird alles geduldet nur weil sie sich selber nicht wehren können.
    Tiere haben ein recht zu leben.
    Der mensch ist ein monster.
    Ein ich was besesen ust von der gier.

  7. Monika Frühbauer  /  28. März 2017 at 10:08 Antworten

    Ich würde gerne etwas mehr Geld für Fleisch bezahlen ,wenn die Tiere dafür artgerechter und glücklicher gehalten würden .Ich kaufe sehr wenig Fleisch und wenn , dann bei einem Fleischer der dieses Fleisch anbietet

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