Arme Schweine

Wie Zeitungen PR-Aussagen als Wahrheiten berichten

Die Tiroler Tageszeitung glänzt in einem gestern online veröffentlichten Artikel förmlich mit kritischem Journalismus, indem zu einem komplexen Thema einfach die Aussagen von Branchenvertretern unüberprüft und unhinterfragt abgetippt werden. Anlass war ein „Hintergrundgespräch“, bei dem Journalist*innen die Sicht der Schweinewirtschaft auf die schmerzhafte Ferkelkastration näher gebracht wurde. Leider verwechseln manche Mitglieder der Medienzunft interessensgeleitete Aussagen mit objektiven Wahrheiten. Aber man kann auch die Wahrheit verbiegen, indem man Punkte nicht anspricht oder nicht darüber schreibt.

Verschiedene Meinungen zu einem Thema einzuholen, selbst zu recherchieren und Aussagen zu prüfen und dann ausgewogen zu berichten ist eigentliche Aufgabe von Journalismus.

Schmerzvolle Kastration trotz Schmerzmittel

Der Artikel beginnt mit „In Österreich ist die chirurgische Kastration von Ferkeln durch den Bauern bis zum siebenten Lebenstag ohne Betäubung zwar erlaubt, mindestens 80 bis 90 Prozent der Landwirte führen sie aber sehr wohl unter Einsatz von Schmerzmitteln durch.“ Brav abgetippt – aber was das bedeutet, darauf geht die Zeitung nicht näher ein. Es bedeutet, dass zwar ein Schmerzmittel gegeben wird, dieses wirkt aber nicht gegen die Operationsschmerzen. Es dämpft den Wundschmerz nach der Operation und wirkt entzündungshemmend. Aber den akuten, starken Operationsschmerz nehmen die Tiere unverändert wahr. Eben ohne Betäubung. Das heißt, es ist eine betäubungslose Schmerzkastration. Nicht ohne Grund steht in der EU-Zulassung des dazu in Österreich verwendeten Präparats „Metacam“:

4.4 Besondere Warnhinweise für jede Zieltierart

[…]

Die Behandlung von Ferkeln mit Metacam vor der Kastration reduziert post-operative Schmerzen. Um eine Schmerzlinderung während des Eingriffs zu erzielen, ist eine begleitende Verabreichung geeigneter Anästhetika/Sedativa nötig.

Quelle: Anhang 1 der EU-Zulassung von Metacam

Diese klare Aussage der EU bezüglich Metacam ist in dessen Wirkungsweise begründet: Metacam ist als sogenannter COX-Hemmer sehr wirksam bezogen auf das hemmen von Entzündungen und Schmerzen, die durch diese Entzündungen entstehen. Auf den akuten Schmerzreiz durch die Operation, besonders auf den sogenannten Eingeweideschmerz durch das ziehen an den Hoden, hat Metacam keinen relevanten Einfluss. Um es sich einfacher vorzustellen: COX-Hemmer kennen wir auch in der Humanmedizin. Aspirin, Ibuprofen oder Diclofenac sind Beispiele dafür. Das, was im Rahmen der Ferkelkastration mit Metacam gemacht wird, entspricht der Idee, dass der Zahnarzt dich eine Aspirin schlucken lässt, und dir danach, ohne Spritze, Vereisung oder sonstige Schmerzausschaltung, einen Weisheitszahn zieht.

ferkel wird festgehalten

Mangelnde Bereitschaft, Forschungsergebnisse in die Praxis umzusetzen

Der Hinweis im Artikel darauf, dass leider noch nicht genug brauchbare Ergebnisse aus der Forschung vorhanden wären, ist maximal eine subjektive Empfindung. Die Branche wird nicht warten können, bis eine fertige Lösung vom Himmel fällt und deren Einführung keine Kosten, keine Bemühungen und keine Zeit in Anspruch nimmt. Es ist schon so viel zum Thema geforscht worden, dass sich ganze Räume anfüllen lassen mit Studien – die absolut überwiegend das selbe sagen: Es gibt Alternativen, diese sind praxitauglich und die Schmerzkastration ist ethisch nicht haltbar.

Was es nun braucht, ist Erfahrungswissen. Und das müssen sich die Bauern in der Praxis erarbeiten. Das kann nicht theoretisch erforscht werden, das muss ganz real und praktisch gesammelt werden. Andere Länder haben schon immer die Jungebermast. Und auch andere Alternativen sind seit vielen Jahren erfolgreich im Einsatz. Einige Länder haben die betäubungslose Kastration bereits abgeschafft – ganz einfach, weil die Alternativen eben doch funktionieren, egal wie man sich das zurecht redet.

Imfpung gegen Ebergeruch

Im nächsten Teil des Artikels werden Alternativen angesprochen und oft mit einem einzigen Satz zur Seite gewischt. Bei der Impfung gegen Ebergeruch gäbe es Fragen hinsichtlich der Akzeptanz durch die KonsumentInnen. Diese werden aber bisher hauptsächlich von der Schweinewirtschaft aufgeworfen und damit künstlich geschaffen. Es macht sich in der Fleischbranche ja auch keiner Sorgen hinsichtlich der Akzeptanz durch die KonsumentInnen zu anderen Impfungen oder Arzneien, die teils großzügig im Einsatz sind.

Erfahre mehr zur Impfung gegen Ebergeruch

Jungebermast

Die im Artikel angesprochene erhöhte Aktivität der Eber bei der Ebermast hat natürlich mehr Auswirkungen als nur die Hormonproduktion der Tiere. Mit angepassten Stallungen, Futter, Beschäftigungsmaterial und einem guten Management ist das durchaus machbar. Sobald es auch in Österreich ein wachsendes Erfahrungswissen rund um die Ebermast aus der Praxis gibt, werden auch die heimischen Landwirte hinbekommen, was in Portugal oder England ganz normal ist. So viel Vertrauen sollten die Branchenvertreter durchaus in ihre Landwirte haben!

Erfahre mehr zur Alternative Jungebermast

Kastration unter Narkose

Die Betäubung der Ferkel während der Kastration als nicht ausreichend wirksam zu diffamieren, weil in seriösen Untersuchungen festgestellt wird, dass ein kleiner Prozentsatz der Tiere nicht vollständig bewusstlos ist, und mit diesem Argument begründen zu wollen, dass es dann besser sei, an einer Methode festzuhalten, bei der gar nicht betäubt wird, ist ein wenig befremdlich. Wir operieren ja auch keine Menschen ohne Narkose, nur weil diese ab und an nicht funktioniert, wie sie soll.

Erfahre mehr zur Kastration unter Narkose

Was wurde nicht gesagt?

Der Punkt, der aber wohlwissentlich völlig ausgeblendet wurde, ist, dass die Kastration ein sehr schmerzhafter Vorgang ist. Und das die aktuell angewandte Methode gegen den größten damit verbundenen Schmerz keine nennenswerte Abhilfe schafft.

Das alle Methoden, die im Artikel angesprochen werden, in verschiedenen Ländern Europas und auch weltweit in vielen Ländern, bereits der jeweilige Branchenstandard ist, bleibt ebenso unerwähnt. Aber gerade das zeigt, dass die im Hintergrundgespräch kritisierten Alternativen praxistauglich sind.

Uns ist völlig klar, dass es eine gemeinsame Kraftanstrengung der gesamten Kette erfordern würde. Angefangen bei den Landwirten, über die Schlachthäuser und Verarbeitungsbetriebe bis hin zum Handel. Nur wenn hier alle mitmachen, kann eine Umstellung funktionieren. Dann sogar innerhalb kürzester Zeiträume, wie uns Länder wie die Niederlande oder die Schweiz das bereits vorgemacht haben. Und was die gesamte Kette bisher immer zum koordinierten Handeln gebracht hat, waren klare Rahmenbedingungen und Vorgaben durch die Politik.

Was aber so oder so inakzeptabel für immer mehr aufgeklärte Menschen ist, ist die Position, an der Schmerzkastration festzuhalten. Warum sollten wir auch nur einem Ferkel einen unvorstellbar hohen Schmerz zufügen, wenn dies nicht nötig ist?

Hilf den Ferkeln in Österreich und werde mit uns aktiv für ein Ende der Schmerzkastration!

Gemeinsam können wir verschiedene Zeichen setzen, um diese verstaubte Methode der schmerzhaften Ferkelkastration in die Geschichtsbücher zu verbannen. Du kannst dabei mithelfen und über den Kampagnen-Newsletter nicht nur von verschiedenen Aktionsmöglichkeiten erfahren, sondern auch regelmäßig alle Neuigkeiten rund um das Thema erfahren.

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Danke für deine Unterstüztung!

Da wir leider zu dem Hintergrundgespräch nicht eingeladen waren, können wir in diesem Artikel nur auf das reagieren, was die Tiroler Tageszeitung geschrieben hat. Wir wissen, dass mittlerweile mehrere Zeitungen zumindest in ihren Online-Ausgaben die PR-Aussagen der BranchenvertreterInnen eins zu eins als Tatsachen kopiert haben.

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